G E R M A I N E  R I C H T E R

 

 

 

Aktuelles

 

 

Kunstvermittlung

 

Positionen zeitgenössischer Kunst

 

Kleine Kunststunde zu ???

 6.10., 13.10., 20.10. (Exkursion) 2026

jeweils 17.30 - 19.00

VHS Schwerte

 

 

Werkpräsentationen

 

"In between", 2026, Objekt

 in der Ausstellung One colour - Inside the light

Doerken-Stiftung, Wetterstraße 60, Herdecke

26.Juli - 30.August 2026

 

"Das Gleichgewicht der Welt", 2026, Installation

"Im Schatten der Opulenz", 2026, mixed media auf Bütten

 in der Ausstellung Schlaraffenland

Atelier Anne Deifuß

Unna, Hellweg 31-33

11.-13. September 2026

 

"Freiheitsstatue", Objekt

"Behauptungen", Objekte

"Rilke Zitate", Klappbücher

 in der Ausstellung Mein bestes Stück

25 Jahre REFLEX

5.Okt. - 30.Okt. 2026

Kamener Stadthalle/Haus der Stadtgeschichte Kamen

 

Fuge

20.Nov. 2026 - 10.Jan. 2027

Kunstverein Ahlen

                                                                                                          

                                                                    

                                                                         Graphik zu 500 Jahre Reformation

Künstler illustrieren Luther-Zitate

"Die größte Ehre, die ein Weib hat, ist allzumal, dass Männer durch sie geboren werden."

Gemeindezentrum an der Viktor Kirche

Schwerte, Marktplatz

Dauerausstellung

 

 

Aktuelle Ausstellungsbesuche

 

Jaume Plensa

"Invisible"

Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg, 26. Juni – 1.Nov. 2026

 

50 Frauen, ein Weltstar und die Poesie des Menschseins – so der Untertitel der Ausstellung, zu deren Aufbau und Eröffnung Jaume Plensa nach Duisburg gekommen ist.

Gleich vor dem Eingang des Museums wird man von einem überdimensionalen weiblichen Kopfobjekt, „Flora“, empfangen. Dieses Wesen schaut den Besucher nicht an, es ist einfach nur da, die Lider gesenkt, ganz in Ruhe wie in reflektierender Selbstbetrachtung, als Körper anwesend, dennoch abwesend. Beim Betrachten wird man nicht hereingelassen, man bleibt davor, draußen, die Hülle der Skulptur umschließt das Innere, beschützt es als eine Innenwelt, die unseren Augen verborgen bleibt. Eintreten können wir nur über unsere Gedanken, Vorstellungen, Fantasien, Träume. Die Augen, die Fenster zur Seele, gewähren uns keinen Zutritt. Vielleicht hat Jaume Plensa deswegen auf dem Ausstellungstitel „Invisible“ bestanden, nicht die Sichtbarkeit der Objekte wird betont, sondern das Gedankliche, das sie verbergen, dem sich die BesucherInnen öffnen sollen.

Diesen Vorgaben folgen auch die vielen Köpfe in der Ausstellung, wobei jeder Kopf anders ist und doch ähnlich, in der Form gelängt, wie verlangsamt, archaisch und doch aus unserer Zeit. Jede dieser Frauen hat einen Namen, die Skulpturen sind nach Plensas Fotos entstanden, also sehr persönlich. Doch diese Frauenköpfe sind keine Portraits, sie spiegeln keine Wirklichkeit, sondern verbreiten eine Zurückgezogenheit, eine kontemplative Stille, eine meditative Atmosphäre. Ihre Erscheinung, ganz gleich in welcher Materialität sie ausgeführt sind, ob in Alabaster, Bronze, Holz, Gussstahl, Draht, Glas, ist von geisterhafter Schönheit. Dabei wirken sie viel leichter, als das verwendete Material es vermuten lässt.

Die Ruhe in den Ausstellungsräumen findet eine Steigerung durch graphische Arbeiten auf den Wänden, besonders durch das hingehauchte Andeuten von erscheinenden und verwehenden Gesichtern. Während der langen Aufbauzeiten hat Jaume Plensa zarte Ansätze von Gesichtern mit Graphit auf die Wände gezeichnet, leicht gedehnt, facettenhaft und doch intensiv. Meisterlich werden auch da menschliche Gesichter angedeutet in ihrer schönen Erscheinung, aber auch hier die Botschaft: denken, erkennen, beurteilen, was sich hinter einer äußeren Hülle verbergen mag, muss jede/r selbst. Das wirklich Wesentliche ist nicht sichtbar, Poesie und Spiritualität tragen sie in sich, diese müssen entdeckt werden.

Eine andere Werkgruppe taucht ein in die Welt der Zeichen, z. B. der Buchstaben und Noten. Diese bilden die Hüllentextur großer Körperplastiken.  Sie formen Menschen in ruhender nachdenklicher Pose, dabei vermittelt sich der gedankliche Zugang über diese Zeichen. Buchstaben, Worte, und damit unsere Sprachen, sind ein wesentliches Merkmal menschlichen Seins und menschlicher Werte. Plensas Werke geben Impulse vor, aber sie formulieren keine eindeutigen Botschaften. Diese ergeben sich erst im Kontakt, beim Sich-einlassen und in der intensiven Wahrnehmung dieser Arbeiten. Laut Plensa ist eine Skulptur „die beste Art“ eine Frage zu stellen, und davon gibt es in dieser Ausstellung viele.

 

 

Anish Kapoor
Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg, 24. April – 30. August 2026

 

Anish Kapoor ist der Wilhelm-Lehmbruck-Preisträger der Stadt Duisburg und des Landschaftsverbandes Rheinland 2025/2026, ein Preis, der seit 1966 an die weltweit bedeutendsten Bildhauer vergeben wird. Geehrt wurden vor ihm Chillida, Jean Tinguely, Claes Oldenburg, Richard Serra, Joseph Beuys, Nam June Paik, Rebecca Horn, um nur einige zu nennen.

Das Museum ehrt ihn mit einer Ausstellung, die ohne besonderen Titel auskommt. Aber schaut man sich die Schreibweise seines Nachnamens auf der Einladung an, so stehen dort die Buchstaben „A“ und „R“ auf dem Kopf – eine wunderbar assoziative Hinführung zu dem, was die BesucherInnen erleben können: unsere Sinne werden auf den Kopf gestellt, unserer Wahrnehmung wird der feste Boden entzogen.

Das erreicht Anish Kapoor durch eine Wirkmächtigkeit seiner Werke, die er selbst mit „otherness“ beschreibt, die „Andersartigkeit“, die „neue Dimension“, das „unerwartete Dahinter“, das man beim Betrachten seiner Arbeiten erleben kann. Die Grenzen des Sichtbaren werden überschritten, das Erleben betritt neue Räume. Immer wieder scheint die Frage, wie sich das darstellen lässt, was nicht sichtbar ist und was den Kern des Menschseins ausmacht, der Beweggrund für sein künstlerisches Tun zu sein.

Betritt man den Raum mit den 15 Meter langen Spiegeln der „Double S-Curve“ und den schwarzen Hohlspiegeln an den Wänden, so verliert sich jeder reale Raumbezug, die eigene Figur tritt verzerrt auf, geht an der Decke, vervielfacht sich, geht unter, verliert sich in schwarzen Löchern – man verlässt den Raum verunsichert und erfährt, wie fragil menschliches Sein ist.

Dieses surreale Erleben geschieht auch vor „Non Object Black“, ein Werk, das sich schnell und einfach als schwarze zweidimensionale Form erschließt, aber aufgrund seiner losen Pigmentierung mit Vantablack, in seiner dreidimensionalen Raumform nicht erfasst werden kann. In einer durchrationalisierten Welt, die versucht, alles zu erklären, bewegen sich hier die menschlichen Erfahrungen eher im surrealen Ahnen und Spüren. Jenseits davon irritiert die einfache Schönheit dieser Arbeit.

Größte Verunsicherung erfährt man vor einer weiten weißen Wand, die aus der Ferne betrachtet einen leichten dunklen Schatten hat, der sich verlagert, verschwindet, verändert, sobald man sich der Wand seitlich nähert und letztendlich nah an sie herantritt: ein großes geschwungenes, kugelförmiges Gebilde im selben Weiß wie die Wand tritt aus dieser plastisch hervor und erzeugt die unwahren Schattierungen! Staunend und ungläubig steht man davor! „When I am pregnant“, so der Titel, bietet eine mögliche Assoziation im ungläubigen Staunen über das Leben.

Ein großer metaphorischer Bedeutungsraum ist die Farbe Rot, in dieser Ausstellung in Form von tiefrotem Wachs, das eine über 3 Meter hohe Halbkugel bedeckt, die langsam und geräuschlos von einem Kamm „abgeschält“ wird: krustig, klebrig, verletzt bleiben die Reste dieses organisch anmutenden Materials an Wand und Boden zurück. Der Titel „Past, Present, Future“ verweist auf philosophische Fragen, auf die einfachsten Grundregeln menschlichen Seins, dass Lebendiges kommt und geht, dass Leben verletzlich ist, dass sich diese Vorgänge immer wiederholen und dass menschliches Eingreifen in diesen Prozess begrenzt ist.

Und wunderbarerweise spricht Anish Kapoor über all diese Zusammenhänge leicht und humorvoll, seine Arbeiten und auch seine Worte sind Angebote zur Reflexion über unser Sein. Das präzise, fundierte Bild seiner Arbeiten paart er mit einfacher, aber wohl überlegter Sprache, so entfährt ihm im lockeren Unterhaltungston auch mal ein „oh, gosh!“

 

 

 

 

Meine Eindrücke von weiteren Ausstellungsbesuchen finden sich hier

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© Germaine Richter