Aktuelles
Kunstvermittlung
Positionen zeitgenössischer Kunst
Kleine Kunststunde zu Maurizio Cattelan und Erwin Wurm
17.März, 24.März, 14.April 2026
jeweils 17.30 - 19.00
VHS Schwerte
Werkpräsentationen
Mein bestes Stück
25 Jahre REFLEX
5.Okt. - 30.Okt. 2026
Kamener Stadthalle/Haus der Stadtgeschichte Kamen
Fuge
20.Nov. 2026 - 10.Jan. 2027
Kunstverein Ahlen
Graphik zu 500 Jahre Reformation
Künstler illustrieren Luther-Zitate
"Die größte Ehre, die ein Weib hat, ist allzumal, dass Männer durch sie geboren werden."
Gemeindezentrum an der Viktor Kirche
Schwerte, Marktplatz
Dauerausstellung
Aktuelle Ausstellungsbesuche
Anish Kapoor
Wilhelm Lehmbruck Museum,
Duisburg, 24. April – 30. August 2026
Anish Kapoor ist der Wilhelm-Lehmbruck-Preisträger der Stadt Duisburg und des Landschaftsverbandes Rheinland 2025/2026, ein Preis, der seit 1966 an die weltweit bedeutendsten Bildhauer vergeben wird. Geehrt wurden vor ihm Chillida, Jean Tinguely, Claes Oldenburg, Richard Serra, Joseph Beuys, Nam June Paik, Rebecca Horn, um nur einige zu nennen.
Das Museum ehrt ihn mit einer Ausstellung, die ohne besonderen Titel auskommt. Aber schaut man sich die Schreibweise seines Nachnamens auf der Einladung an, so stehen dort die Buchstaben „A“ und „R“ auf dem Kopf – eine wunderbar assoziative Hinführung zu dem, was die BesucherInnen erleben können: unsere Sinne werden auf den Kopf gestellt, unserer Wahrnehmung wird der feste Boden entzogen.
Das erreicht Anish Kapoor durch eine Wirkmächtigkeit seiner Werke, die er selbst mit „otherness“ beschreibt, die „Andersartigkeit“, die „neue Dimension“, das „unerwartete Dahinter“, das man beim Betrachten seiner Arbeiten erleben kann. Die Grenzen des Sichtbaren werden überschritten, das Erleben betritt neue Räume. Immer wieder scheint die Frage, wie sich das darstellen lässt, was nicht sichtbar ist und was den Kern des Menschseins ausmacht, der Beweggrund für sein künstlerisches Tun zu sein.
Betritt man den Raum mit den 15 Meter langen Spiegeln der „Double S-Curve“ und den schwarzen Hohlspiegeln an den Wänden, so verliert sich jeder reale Raumbezug, die eigene Figur tritt verzerrt auf, geht an der Decke, vervielfacht sich, geht unter, verliert sich in schwarzen Löchern – man verlässt den Raum verunsichert und erfährt, wie fragil menschliches Sein ist.
Dieses surreale Erleben geschieht auch vor „Non Object Black“, ein Werk, das sich schnell und einfach als schwarze zweidimensionale Form erschließt, aber aufgrund seiner losen Pigmentierung mit Vantablack, in seiner dreidimensionalen Raumform nicht erfasst werden kann. In einer durchrationalisierten Welt, die versucht, alles zu erklären, bewegen sich hier die menschlichen Erfahrungen eher im surrealen Ahnen und Spüren. Jenseits davon irritiert die einfache Schönheit dieser Arbeit.
Größte Verunsicherung erfährt man vor einer weiten weißen Wand, die aus der Ferne betrachtet einen leichten dunklen Schatten hat, der sich verlagert, verschwindet, verändert, sobald man sich der Wand seitlich nähert und letztendlich nah an sie herantritt: ein großes geschwungenes, kugelförmiges Gebilde im selben Weiß wie die Wand tritt aus dieser plastisch hervor und erzeugt die unwahren Schattierungen! Staunend und ungläubig steht man davor! „When I am pregnant“, so der Titel, bietet eine mögliche Assoziation im ungläubigen Staunen über das Leben.
Ein großer metaphorischer Bedeutungsraum ist die Farbe Rot, in dieser Ausstellung in Form von tiefrotem Wachs, das eine über 3 Meter hohe Halbkugel bedeckt, die langsam und geräuschlos von einem Kamm „abgeschält“ wird: krustig, klebrig, verletzt bleiben die Reste dieses organisch anmutenden Materials an Wand und Boden zurück. Der Titel „Past, Present, Future“ verweist auf philosophische Fragen, auf die einfachsten Grundregeln menschlichen Seins, dass Lebendiges kommt und geht, dass Leben verletzlich ist, dass sich diese Vorgänge immer wiederholen und dass menschliches Eingreifen in diesen Prozess begrenzt ist.
Und wunderbarerweise spricht Anish Kapoor über all diese Zusammenhänge leicht und humorvoll, seine Arbeiten und auch seine Worte sind Angebote zur Reflexion über unser Sein. Das präzise, fundierte Bild seiner Arbeiten paart er mit einfacher, aber wohl überlegter Sprache, so entfährt ihm im lockeren Unterhaltungston auch mal ein „oh, gosh!“
Germaine Krull. Chien fou, Autorin und Fotografin
Folkwang Museum, Essen, 28. November 2025 – 15. März 2026
Die Ausstellung widmet sich, und das ist neu, intensiv den Texten, die Germaine Krull hinterlassen hat: Tagebucheinträge, Texte in Fotobüchern, persönliche Notizen, Briefe. Damit öffnet sie eine differenzierte, geweitete Sicht auf diese Fotografin des 20. Jahrhunderts und das Leben ihrer Zeit in vielerlei Hinsicht. Ihr umfassendes Werk beinhaltet Akte, Landschaften, Tanz- und Figurenstudien, Portraits, abstrahierende Aufnahmen industrieller Bauwerke, kunstgeschichtliche Objekte, Architekturen, experimentelle Versuche zur Farbfotografie.
Die Ausstellung wirft einen umfassenden Blick auf den Nährboden, auf dem diese intensive Vielfalt entstehen konnte. Und darin besteht das Mehr dieser Werkschau. In elf Teilen entwickelt das Ausstellungskonzept in Form von Zitaten und Textauszügen aus Krulls Schriften ein vielschichtiges Bild dieser selbstbewussten, handlungsstarken Frau, die Fotos erhalten dabei fast sekundäre Bedeutung innerhalb dieser vitalen Biografie. Es entsteht die Vorstellung einer wahrnehmungs- und entscheidungsstarken Frau des 20. Jahrhunderts.
Schon ihr Name lässt aufhorchen. Ein französischer Vorname für die erstgeborene Tochter eines deutschen Paares in Wilda, an der deutsch-polnischen Grenze 1897, vielleicht eine Nähe zu den dort angesiedelten Hugenotten des 17. Jahrhunderts? Der Vater war Ingenieur, kritisch gegenüber Staat und Kirche, zog beruflich durch Europa, so wuchs Germaine Krull an vielen unterschiedlichen Orten auf, u.a. in Bosnien, Rom, Paris, Montreux, in der Nähe von Graz und in Bad Aibling, ab 1912 in München. Früh entwickelte sie ein Gefühl von Unabhängigkeit und hing revolutionären Ideen nach, stand kommunistischen Gesellschaftsformen nahe. Ihre wilde Entschlossenheit drückt sich auch in ihrem Spitznamen aus, der auf eine Freundin zurück geht, die sich eigentlich auf ihr festes unzähmbares Haar bezog, „Chien fou“, „Zottel“.
Sie beendete eine Ausbildung als Fotografin und übte diesen Beruf zeitlebens aus, aber Fotografieren rückte mehrfach in ihrem Leben in den Hintergrund, wenn politische Ereignisse wegweisender wurden und stärker ihren Weg bestimmten, so z.B. die Gründung der kommunistischen Räterepublik in Bayern 1919 oder Lenins Bestrebungen, einen Weltkommunismus zu gründen 1921 in Moskau. Dabei scheute sie nicht, tatkräftig Unterstützung zu leisten, Gefängnisstrafen auf sich zu nehmen und ausgewiesen zu werden, aber sie bekannte sich auch öffentlich zu ihren „Irrtümern“ und schlug dann neue Wege ein. Und immer waren herausragende Menschen Wegbegleiter für ihre Orientierung, dazu gehörten, Max Horkheimer und Friedrich Pollock, Ernst Toller und Rainer Maria Rilke, genauso wie Kurt Eisner und Tovia Aksel’rod, später sogar der Dalai Lama in Tibet.
Nach den Stationen Düsseldorf, Berlin und Amsterdam mietete sie sich 1926 ein Atelier in Paris und konzentrierte sich erneut auf Fotografieren, es entstanden die Aufnahmen der 20er und 30er Jahre, für die sie bekannt wurde, überraschende Sichtweisen auf das Leben dieser Zeit. Französisch wird für sie, die offiziell einen deutsch-niederländischen Pass hat, zur „Muttersprache“, ganz gleich in welcher Station ihres Lebens sie gerade angekommen ist.
So gehört sie 1941 mit vielen Intellektuellen Europas zu den Emigranten auf der Flucht vor dem Faschismus von Marseille nach Martinique, was auch Thema ist in der filmischen Arbeit von William Kentridges To Cross One More Sea (2024), die gleichzeitig im Folkwang gezeigt wird. (Wunderbare Planung!) Von Martinique gelangt sie nach Brasilien, von dort im Auftrag von France libre und de Gaulle nach Brazzaville, Republik Kongo, Algier und das Elsass. Nach dem 2. Weltkrieg verlässt sie Europa mit dem Bewusstsein „endgültig“, geht für André Malraux nach Kambodscha, Myanmar, Thailand, dort arbeitet sie als Managerin des Oriental Hotel von 1947 bis 1962, es folgen Indien und Jahre in der Sakya-Gemeinschaft in Tibet. Erst nach einem Schlaganfall in den 80ern kehrt sie nach Deutschland zurück, wo sie 1985 bei ihrer Schwester Berthe in Wetzlar stirbt.
Überraschend, dass trotz dieser bewegten Lebensschleifen die Worte aus ihrem frühen Manifest „Ètudes de nu“, Paris 1930, sinngebend als Fazit ihres Lebens stehen können und deswegen von den beiden Kuratorinnen, Petra Steinhardt und Kerstin Meincke, ausgewählt wurden, den Abschluss der Ausstellung in Raum elf zu bilden. Als Germaine Krull diese Worte schrieb, waren sie vielleicht eher noch Ahnung von dem, was sie im Leben später erlebte.
„Die Welt. Die Welt dieser Zeit. Und der Mensch, der nichts weiter ist als ein mobiles Objekt in der Welt – und in der Zeit. Und der Mensch, der durch die Zeiten moralisch selbe Mensch. - “
Meine Eindrücke von weiteren Ausstellungsbesuchen finden sich hier