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Roni Horn

Christiane Löhr

Andrea Büttner

Alicja Kwade

Wiebke Siem

KI - Shift

Marina Abramovic - 54 Hours performances

Monica Bonvicini

Jenny Holzer

Rosemarie Trockel

 

Roni Horn, Give Me Paradox Or Give Me Death, Museum Ludwig, Köln, 23.März – 11.August, 2024

 

Schon der Titel der Ausstellung lässt mich stolpern: das Zitat aus einer Rede des Amerikaners Patrick Henry, der sich im 18. Jh. der Unabhängigkeitsbewegung angeschlossen hatte, lautete „Gebt mir Freiheit oder den Tod!“. Roni Horn ersetzt „Freiheit“ durch „Paradox“ und fordert ihr Gegenüber auf, ihr dieses zu geben oder den Tod. Welche Gedanken stecken hinter dieser Verrätselung, hinter dieser Widersprüchlichkeit? Die Ausstellung bietet mit etwa 100 Werken Spuren zu erfahrbaren Erkenntnissen.

Ein großartiger Empfang direkt am Eingang zur Ausstellung mit „This is Me, This is You“, 96 Portraitfotografien von Roni Horns Teenager-Nichte Georgia Loy Horn, die ihrer Tante, so findet man auf anderen Fotos heraus, ziemlich ähnlich sieht. Jeweils die Hälfte der Bilder steht sich in regelmäßigem Raster gegenüber. Zu jeder Aufnahme der einen Seite gibt es ein Gegenstück auf der anderen Seite, das nur wenige Sekunden später fotografiert wurde. Wie viele unterschiedliche Gesichter ein und desselben jungen Menschen! Und auf den ersten Blick genau dieselben auf der zweiten Wand, aber – da geht das Stolpern weiter – die Dopplung ist keine Dopplung, sondern unterscheidet sich in großen und kleinen Abweichungen. Innerhalb von drei Jahren sind diese Bilder entstanden, und man entdeckt einen unendlichen Facettenreichtum an Ausdruck, Stimmung, Verkleidung, Gemütszustand – eines einzigen Menschen.

Genau hier ahnt man die Bedeutung des Ausstellungstitels: ganz gleich, wie unterschiedlich eine Erscheinungsform ist, sie trägt bei zum freien, individuellen, lebendigen Sein ohne jede Festlegung.

In schier grenzenloser Offenheit, einfach nur zu sein, das ist Horns Thema auch in den Fotos ihres eigenen Lebens in der Serie „a.k.a.“. In diesem Werk stehen jeweils zwei Portraitaufnahmen aus unterschiedlichen Lebensphasen der Künstlerin nebeneinander. Dabei fällt es oft schwer, die Bilder derselben Person zuzuordnen. Nicht nur das Alter, das Aussehen, die Erscheinungsform, der Ort – nein, alles scheint sich ändern zu können. Diese Freiheit, diese Wandelbarkeit ist für Roni Horn eine Bedingung von essentiellem Wert, sowohl aus der Perspektive des Individuums als auch aus der Sicht des Betrachtenden.

Viele Zeichnungen, Collagen, Tagebucheintragungen, ja sogar objekthafte Gebilde erwachsen aus dieser Position.

So tritt auch wie in einer inneren Logik das Wasser und seine fluide Erscheinungsform und Oberflächenanmutung in ihr Werk, z.B. in Form der 15teiligen Fotoserie „Still Water“, Aufnahmen der Themse in London. Anmerkungen aus Literatur, Popsongs, Medien bieten ein vielfältiges gedankliches Bild zu den Ansichten. Horns Zitat „Die Undurchsichtigkeit der Welt löst sich im Wasser auf“ lässt ahnen, wie ausdehnbar ihre Position ist: nichts scheint so, wie es sich darstellt, es gibt immer noch Anderes, Zusätzliches, Erweitertes…

Dieser Gedanke flutet die Wahrnehmung im Raum mit den beiden Werken „Untitled („The tiniest piece of mirror is always the whole mirror.“)“ und „Portrait of an Image (with Isabelle Huppert)“. Zehn runde, farbige, halbtransparente Glasskulpturen spiegeln in ihrer wässrigen Oberfläche sämtliche Raumaspekte je nach Blickrichtung, auch die 100 Portraitfotos von Isabelle Huppert, die weit oben den Raum frieshaft umgrenzen. Für diese Fotos hat sich die Schauspielerin einiger Filmrollen erinnert und wechselt entsprechend von einem Gesichtsausdruck in den nächsten. Was in dieser Installation ist verlässliche Wirklichkeit? So real greifbar die wunderbaren Glaskörper vor uns stehen, so ablesbar die Fotos einer bekannten Schauspielerin eine Emotion darstellen, alles, was wir wahrnehmen, ist eine Facette von Oberfläche, jeweils verbunden mit uns und unserem Standort. Das Dahinter, nach dem unser Verstand sucht, weil wir uns nach Festigkeit und Zuordnung sehnen, verweigert sich. Diese Einsicht verunsichert, kann aber auch  Impuls sein, uns und unsere Welt offener, vorurteilsfreier zu betrachten.

 

 

Christiane Löhr, Symmetrien des Sachten, Arp Museum, Bahnhof Rolandseck, 8.10.2023 – 21.1.2024

 

Welch ein Zauber erfasst die BesucherIn in diesen grauen Wintertagen, wenn der Fahrstuhl sie in die lichten vielschichtigen Räume des Meier Baus entlässt! Leicht, duftig, wie hin geweht plustert sich ein wolkiges Oval auf dem Boden vor uns auf, unzählige kugelige Löwenzahnsamen schmiegen sich neben- und übereinander, jeder einzelne das fruchtbare Ende eines Sommers, zusammen ein fragiles Meer an weichen Formen und pudrigen Weißtönen. Vorsichtig mit verhaltenem Atem steht man vor diesem Wunder an Flüchtigkeit und Unerklärbarem und staunt über die knappe sachliche Bezeichnung „Löwenzahnteppich, 2023, Löwenzahnsamen“.

Empfindliche, zarte Gebilde aus der Natur, trockene Grasstängel, Samen, Fruchtstände, Tierhaare, Material, das im Alltäglichen keine Beachtung findet, das übernimmt hier Hauptrollen in Formen, die an geometrische Architekturmodelle erinnern, Türme, Schalen, Kuppeln, Stufen. So entsteht eine sachliche Fremdheit, die nach intensivem Betrachten verlangt.

Ein genaues Hinsehen und Erkennen einer riesigen Reuse aus Pferdehaaren beinhaltet einerseits die sprachlich distanzierte Annäherung an diesen Gegenstand und andrerseits die Wahrnehmung von Gespinsthaftem, von Wehendem und Vergehendem. Winzige Kuppeln aus Grasstängeln hinterlassen ein Sich-wundern. Eine Tempellandschaft aus Efeusamen entführt in eine fremde Welt.

Die Werke vereinen weit gespannte Ebenen durch ihre konnotative Kraft in Sprache, Material, Form und Farbe – darin liegt wohl die Ursache für das Staunen, das in den Ausstellungsräumen greifbar wird.

Christiane Löhrs Sinn für Materialität, sie war Meisterschülerin bei Jannis Kounellis, zeigt sich auch in ihren graphischen Blättern. Schwarze Spuren durchwandern, durchdringen die Papiere organisch, so dass man an Vergrößerungen mikroskopischer Aufnahmen denkt oder an eingebettete Wollgespinste.

Allem liegt ein großer Wahrnehmungs- und Erkenntnisschatz zugrunde, der sich mit Präzision in scheinbar Unscheinbarem manifestiert, dabei verwandelt sich Organisches in Abstraktes. Große Freude!

 

 

Andrea Büttner, No Fear, No Shame, No Confusion, K21, Düsseldorf, 28.10.2023 - 18.2.2024

 

Was sehe ich? Schale, blass vergilbte plakatgroße Papiere mit hellen vagen Linien und Bilder, alle Blätter in lockerer Verteilung über die ganze Wand verteilt. Das Sehen wird deutlicher, klarer, je näher man an die Wand herantritt. Es schälen sich Drucke von kunsthistorischen Vorlagen heraus, man erinnert sich an Bekanntes, Bilder aus dem Kunstkontext, alle mit Darstellungen öffentlich erniedrigter Menschen, Menschen, die eine im gesellschaftlichen Konsens gerechte und damit gerechtfertigte Strafe empfangen, Folter, Kreuzigung, Pranger. Auf einigen sind Zuschauer sichtbar, die dem Schauspiel beiwohnen, mit Wonne, mit Grausen.

Alle Drucke sind mit weißer fluoreszierender Farbe auf nur schwach kontrastierendem Karton gedruckt. Mit diesen Mitteln erschließen sich die Inhalte nur allmählich, nur ganz verzögert wird der BetrachterIn klar, was sie sieht und dass sie einem öffentlichen Spektakel, dem einer Bestrafung, einer Schamstrafe, so nennt Andrea Büttner diese, beiwohnt. Viele dieser Situationen kommen uns unangemessen vor, mittelalterlich grausam, nicht im Einklang mit unserer heutigen Moralvorstellung, und es wird klar: Strafen stehen im Zusammenhang zu einem Bezugssystem. Die Zurschaustellung dieser unangemessenen, grausamen Vorgänge kann man leichtfertig verurteilen, als Folge haben wir Mitleid mit den Verurteilten, Vorgeführten und öffentlich Gedemütigten.

Die Ausübung wohl empfundener Gerechtigkeit ist das Thema in all diesen Bildern. Genau an diesem Punkt des Erkennens wird einem bewusst, dass auch wir hinschauen, uns genau betrachten, wie sich Täter und Opfer in dieser entwürdigenden Situation verhalten. Unangenehm, schambehaftet auch unser Voyeurismus. Das Sich-schämen der Bestraften greift über auf uns Zuschauer.

Wäre es nur dieser Zusammenhang kunstgeschichtlicher Darstellung und heutiger Betrachtungsweise, könnte man das Schampaket noch gut „verpacken“ und distanziert betrachten. Aber unsere sozialen Netzwerke präsentieren uns Tag für Tag ganz bewusst Texte und Bilder, die nur ein Motiv kennen: das Verunglimpfen und damit das Erniedrigen anderer Menschen. Weil alltäglich, lassen wir das geschehen. Aus den Schambestrafungen eines Systems sind heute willkürliche Einzeltaten – oft anonym - gegenüber privaten Feindbildern geworden. Das „Shaming“ in den sozialen Netzwerken breitet sich pestartig aus. Der einzelne soll sich schämen vor der Gemeinschaft! Wie verhält es sich mit dem Schamgefühl des Verursachers und dem des Publikums?

Andrea Büttner arbeitet an den Schnittstellen von Psychologie, Soziologie, Geschichte, kulturellen Traditionen, wie diese sich in der Kunst- und Kulturgeschichte niedergeschlagen haben. Aus theoretischen Erkenntnissen entstehen sehr vielseitige Werkgruppen, Themen sind z. B. „Arbeit“, „Armut“, „Handwerk“, „Religion“. Im Betrachtenden erwachsen daraus unzählige Impulse, unser Sein im sozialen Verbund zu reflektieren.

 

 

Alicja Kwade, In Agnosie, Lehmbruck-Museum Duisburg, 23.Sept. 2023 – 25.Febr. 2024

 

Aus einem Fenster der unteren Zone des Lehmbruck-Baus schaut uns jemand an, jemand, der nicht zum Repertoire des Museumsbegründers gehört: eine bronzegrüne verhüllte Gestalt, leicht zieht sie ihr Tuch hinter sich her. Wir nehmen nur ihre Größe war, klein und zierlich, vielleicht die Nase, d. h. hier die verschleierte Blickrichtung. Ein Geist? Ein Gespenst? Eine Frau im Tschador ohne Sehschlitz? Alicja Kwade steckt selbst unter dem Tuch, mithilfe von Scan und 3-D-Drucker und der Umsetzung in einen Bronzeguss kommentiert sie humorvoll die gefühlsintensiven, erdschweren und nackten Körpergestalten Lehmbrucks und sorgt beim schnellen Hinschauen für ein „Nanu?“ beim Betrachter,  Verunsicherung, Hilflosigkeit. Ihr Frauenkörper ist kaum ahnbar, aber als Bronzeguss manifest in dieser ehrwürdigen musealen Runde. Sie versteckt sich und bleibt völlig unerkannt, und dennoch ist eine verhüllte weibliche Gestalt eine Aussage, auch zu unserem städtischen Alltag.

Dieses Gefühl des Sich-wunderns, des Nicht-verstehen-könnens zieht sich durch alle Räume, in denen die Künstlerin ihre Spuren hinterlassen hat. Naturgesetze, die sich mit unserer Wahrnehmung vermischen, scheinen außer Kraft zu treten. Alicja Kwade bespielt physikalische Ordnungen, indem sie auf unsere erlernten Kenntnisse setzt, und lässt uns rätselnd zurück, wenn unsere Erwartungen nicht zutreffen.

Glas- und Spiegelwände verursachen Zweifel an dem, was wir sehen, in uns entsteht ein Lächeln, ein ungläubiges Staunen. Von einer Raumdecke hängen tänzelnde Mobiles, bei näherem Betrachten sind es schwere, genau austarierte Steinbrocken an den Enden von Querstangen.

Auf der Terrasse abgestellt zwei ähnliche Kleinwagen aus Berlin. Die genauere Betrachtung offenbart zwei fast identische Autos, allerdings in Spiegelverkehrtheit Nach so vielen irreführenden Reflektionen sucht man hier vergebens nach einem Spiegel, hier sind tatsächlich die beiden Objekte so verändert, dass ihre Erscheinung als Spiegelbild des anderen fungiert. Selbst ein kleiner Rostfleck über dem Türgriff findet sich genau da, wo man ihn – hat man das Spiel erst begriffen – sucht.

Ein Doppelportrait der Künstlerin einmal von ihrer linken, einmal von ihrer rechten Profilseite fotografiert, entpuppt sich als das zufällig ähnliche Bild einer Fremden, die von Kwades Mutter fälschlicherweise als deren eigene Tochter identifiziert worden war. Dazu in gleicher Pose das nachgestellte Foto der echten Alicja Kwade.

Immer wieder erlebt man solche komischen irritierenden Momente, die unserem Wissen zu widersprechen scheinen, die erstmal ungelöst bleiben, sich dann aber voller Vergnügen als bewusstes Machwerk offenbaren. Damit löst Kwade ihr Versprechen ein, das sie im Titel der Ausstellung gibt: in Agnosie. Wahrnehmen ohne zu wissen, was wir da wahrnehmen, der rein physikalische Vorgang ohne das gedankliche Verarbeiten des Was.

 

 

Wiebke Siem, Das maximale Minimum, Kunstmuseum Bonn, 1.6. – 17.9.2023

 

„Ich bin eine Frau, meine Sicht auf die Welt ist die einer Frau“, so äußert sich Wiebke Siem über ihre Grundhaltung zu all den Fragestellungen, die sie zu ihren Werken antreibt. Den immer noch dominanten männlichen Blick auf die Welt, der für sie von Männern und Frauen ausgeht, empfindet sie als ihren eigentlichen Gegner. In diesem Spannungsfeld ereignen sich ihre Arbeiten. Vielleicht ist so der Ausstellungstitel, der auch als Titel einer Arbeit mit langen dünnen Perlenpuppen am Faden auftaucht, zu verstehen, im konnotativen Umfeld des Min-Max-Theorems. Dieses beschreibt ein grundlegendes Lösungskonzept in der Spieltheorie. Im Vordergrund steht die Zielvorgabe der Minimierung des gegnerischen Maximalgewinnes beider Spieler. Wird hier auf die gegenseitige Festschreibung in sozialen Rollen angesprochen? Geben tradierte, vorgeformte Gegenstände dem Menschen die Grenzen seiner Individualität vor? Oder verweisen die Begriffe „Minimum“ und „Maximum“ als mathematische Begriffe auf ein Wirtschaftsdenken, das auch im Kunstbetrieb das Machbare bestimmt, wie im Vorwort des Ausstellungskatalogs angedeutet wird? Der Titel spannt ein weites Wahrnehmungs- und Reflexionsfeld auf. 

Die Ausstellung umfasst Werke aus den frühen 80ern bis zu den gerade zu Ende gegangenen Pandemiejahren, von den stärker mit Design verbundenen Kleidungsserien bis zu den eher im Substantiellen verhafteten Fadenmarionetten. Immer wieder tauchen bekannte Formen in neuen Zusammenhängen auf: Klöppelstäbchen, Kochlöffel, Kabeltrommeln, Schuhleisten, Nudelhölzer, Holzschalen, Teile von Schaufensterpuppen, Holzköpfe, Körbe, Ringe, Bälle, Schüsseln, Teller und immer wieder Genähtes, Ausgestopftes.

Ganz wunderbar komisch und zugleich unendlich traurig: „Niema tego zlego coby na dobry nie wyzlo“ von 2007. Der Titel ein polnisches Sprichwort, das Siems Mutter immer wieder sagte: Es gibt nichts, was so schlecht wäre, dass man ihm nicht auch etwas Gutes abgewinnen könnte. Ein kahler Installationsraum, ausgestattet mit einem Küchenbuffet der 50er Jahre und einem Küchentisch mit den passenden vier Stühlen, alles im Gelsenkirchener Barock. Ganz klein wirken die Möbel durch die riesige Leuchte über dem Tisch. Von der Decke bis knapp über die Tischplatte baumelt der Lampen-Schirm-Körper, wie ein orangenes Kinderkleidchen, weiß schaut der Leuchtkörper unten draus hervor wie ein weißes Unterhöschen. Den Abschluss bildet das Bedienungsschnürchen, das hell angestrahlt darauf hinweist: hier muss man dran ziehen! Schlaff hängen schwarze textile Wurstarme mit Händen und -beine mit Mickey Mouse Füßen an der Lampe herunter. Ermattet vom Tagwerk in der Küche, widerspruchslos gegenüber der Rollenerwartung und dennoch angenehm erhellend – was wird hier alles an Gedanken transportiert! Kindheitserinnerungen, Vater-, Mutter-, Familienbilder, soziale Erwartungen, Einschränkungen von individueller Entfaltung, soziale Prägung, Designfragen, aber auch eine Fokussierung auf den Frauenkörper, seine Sexualität, seine Gebärfähigkeit, seinen Gebrauchswert aus männlicher und auch weiblicher Sicht.

Durch diese vielfältigen Wahrnehmungsebenen schleichen sich Wiebke Siems Arbeiten in unsere Gedankenwelt und hinterlassen neue Blickrichtungen auf unser tägliches Miteinander.

 

 

SHIFT – KI und eine zukünftige Gemeinschaft, Marta Herford, 17.6. – 15.10.2023

 

Kein Tag vergeht ohne Berührung mit dem neuen wundersamen Schreckensbildnis „Künstliche Intelligenz“. Bevor man sich die Ausstellung im Marta anschaut, sollte erst einmal der Begriff selbst korrigiert werden, zu stark verweist das Wort „Intelligenz“ auf menschliche Individualität und Qualität. Das kann von Computern, von Digitaltechnologie nicht geleistet werden. Das Wort legt uns geradezu nahe, dass eine neue Art von Menschsein hier entstanden sei, mitnichten. KI ist eine gesteigerte Fähigkeit digitaler Tools, die auch schon vor der Veröffentlichung von Chat-GPT, in gesellschaftlichen Zusammenhängen, in Technologie und Wissenschaft genutzt wurde, z.B. in Bildgeneratoren, autonomen Fahrassistenten, Sprachumwandlungen. Den Eigenschaften all dieser Programme scheint der Begriff „exponentielles maschinelles Lernen“ gerechter zu werden.

Die Ausstellung stellt neun internationale Konzept-KünstlerInnen mit raumgreifenden Installationen vor, die alle Verbindungen zwischen gesellschaftlichen Vorgängen und KI-Entwicklungen reflektieren. Dabei macht KI diese Werke erst möglich und bietet im Ergebnis außerdem Ansätze und Impulse zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den Inhalten. Die sinnliche Erfahrung der Werke führt dabei häufig zu großem Staunen und Bewunderung, gleichzeitig auch zu Angst und Grauen.

So hängen in einem Raum 30 sehr unterschiedliche plastische Gesichtsmasken von der Decke, sie alle sind aufgrund einer genetischen Probe der amerikanischen Whistleblowerin Chelsea E. Manning entstanden. In „Probably Chelsea“ von 2017 geht Heather Dewey-Hagborg der wissenschaftlichen These nach, dass aus genetischem Material das Aussehen eines Menschen ablesbar sei. Noch wird hier eher das Gegenteil bewiesen, aber vielleicht hält die Zukunft diese Erleichterung z.B. bei der Suche nach einem Täter bereit. Aber dahinter verbirgt sich auch, dass wir alle jederzeit ablesbar  unsere Identität hinterlassen, beunruhigend.

Schaurig schön der Raum mit der 8-Kanal-Klanginstallation von Christian Kosmas Mayer. In „Maa Kehru“ von 2021-22 hat er die Stimme einer 2000 Jahre alten Mumie erweckt, deren Töne zu uns dringen vor den animierten, doppelt belichteten Geisterfotos von William H. Mumler. Das menschliche Sehnen nach Unsterblichkeit manifestiert sich zusätzlich in Mayers Skulpturen der Serie „If you love life like I do“ von 2019. Sie thematisieren die bereits durchgeführte Kryonik, bei der sich Menschen kopfüber tiefgefrieren lassen, um irgendwann wieder erweckt zu werden. Vergangenes weht einen an, die Endlichkeit des eigenen Lebens wird bewusst und das Vergehen rückt greifbar und hörbar nahe.

Louisa Clements Werk zeigt, wenn auch eher ungewollt, die Anfälligkeit von KI gegenüber äußeren Störaktionen. Sie hat „Repräsentantinnen“ 2021 entwickelt, KI gesteuerte Sexpuppen nach eigenem Aussehen. Nach Hackerangriffen blieben von diesem Werk nur zwei isolierte Köpfe, die auf einer großen Leinwand ziellos umherrollen und endlos wiederholen „I can´t connect to internet“. Bittere  Ironie drängt sich in die Betrachtung dieser Kopf- und Körperlosigkeit und deren Abhängigkeit von digitalen Techniken, gut dass hier nur Avatare betroffen sind. Auch Clements Fotoserie „Hands are tired“ von 2021 hinterlässt eher eine Rückbesinnung auf kostbares Menschsein, auf diesen natürlichen Wert von Leben, der schwerlich von maschinellem Lernen ersetzt werden kann.

Gehrys „Nicht-Räume“ sind genau richtig für diese Gratwanderungen zwischen wagemutigen Fragestellungen, beruhend auf wissenschaftlicher Forschung und digitalen Technologien, und den einfachen Wahrnehmungen und Gedanken zum jetzigen Sein.

 

 

54 Hours Performances. Free interdisciplinary performance Lab (30. Juni – 9. Juli 2023

Museum Folkwang, Essen)

 

Marina Abramovic ist in der Performance Kunst eine überragend erfahrene Pionierin. Ihre Werke sind Erkundungen der eigenen Möglichkeiten, geprägt von Ausdauer, der Suche nach den eigenen Grenzen, dabei voller Empathie, Mut und Leidensfähigkeit.

Diese Position bekräftigt sie in einem Zoom-Interview aus New York: mit jeder Faser ihres Seins lebt sie ihr Werk. Und so versteht sie sich auch als Lehrende auf der Pina-Bausch-Professur an der Folkwang, Essen, voller Überzeugungskraft und Einsatz hat sie sich ein Jahr lang der Weitergabe ihrer Kunst gewidmet, 23 ausgewählte Studierende hatten die Möglichkeit, mit ihr an ihren eigenen Zielen zu arbeiten. Für die Ergebnisse hat das Folkwang Museum großzügig Raum geschaffen.

Das abrupte Eintauchen in die intime schutzlose Gedankenwelt anderer Menschen ist während der ersten Schritte befremdlich. Geräusche, Töne von Aktionen, die nur hörbar und noch nicht sichtbar sind, beflügeln die eigene Fantasie. Durchwandern, Sich-einlassen, Staunen, Hinterfragen, Mitmachen und Fühlen, überraschend, welche Themen und persönlich empfundenen Problemlagen, die nach Ausdruck verlangen, hier aneinander gereiht mich erreichen. Stunden durchwandere ich so ganz persönliche Anliegen, einiges berührt, anderes erreicht nur meine Oberfläche.

Bleibend Francesco Marzano mit seiner Performance „Tabula rasa“. Auf einem Podest, ganz zurückgenommen in der Ecke sitzt er auf einem Stuhl, neben sich auf dem Boden ein kleiner Stapel abgegriffener unterschiedlicher Buchformate, seine gesammelten Tagebücher. Sein Tun in den kommenden zehn Tagen: in ruhigem, fast traumverlorenen Ton liest er in seiner melodischen Muttersprache Italienisch Seite für Seite aus seiner Vergangenheit, reißt die betreffende Buchseite aus dem Heft heraus, zerknüllt sie und wirft sie auf den Boden. Dort sammelt sich, wovon er sich befreien möchte. Stumm wandert auf einem fußnahen Bildschirm die deutsche Übersetzung als stille Bekräftigung vorbei. All das ereignet sich ohne Hast, ohne innere Regung, ohne Anzeichen von Kraft. Nur in mir spüre ich eine leichte Wehmut, Schmerz, Melancholie. Herausreißen als Neuanfang?

Dennoch als Performance ganz wunderbar bewegend, ein Impuls zur Reflektion.

Und für alle Teilnehmenden ein Schritt in ihr Leben.

 

 

Monica Bonvicini, Neue Nationalgalerie, Berlin, 25.11.2022 - 30.4. 2023

dazu ein paar Anmerkungen:

Welch ein Empfang! Ein riesengroßes spiegelndes Quadrat steht vor dem mittigen Eingang zum gläsernen Kultbau von Mies van der Rohe, verdeckt ihn und - auf den ersten Blick – verschandelt den lichten Blick durch die offene gläserne Halle, wobei sie diese in ihrer Höhe um Meter überragt. Bedruckt ist dieses schräg angelehnte Werk mit einem angeschnittenen Textfragment, mehr ahnend als wissend liest man die schwarzen Buchstaben „I do you“, es könnte auch ein „I don´t you“ oder ein „I don´t … you“ sein. Die enthaltene Botschaft ist nur vage entzifferbar: „ich mach dich…“,  „ich mach dich nicht…“,  „ich … dich nicht“. Bezieht sich das „you“ auf die Architektur, den Besucher, allgemein auf die Welt? Konkreter wird die Aussage, tritt man an diesen Wortspiegel heran, sieht sich selbst in dieser Fläche und hinter sich die reflektierte Kulisse: Straßen, Gebäude, Wände, Versorgungskästen, eben die ganze hässliche Ansicht jenseits der Potsdamerstraße, die Spielbank, die Silhouetten rund um den Potsdamer Platz, Wildwuchs zeitgenössischer Stadtarchitektur. Auch wir spiegeln uns, sind ein Teil dieser Wirklichkeit, verursacht von Raumplanern, Architekten, finanziert von Politik und Wirtschaft – männlichen Ursprungs, auch das ein Aspekt dieser Arbeit Bonvicinis, deren Position allgemein als feministisch im Ansatz gilt. Nach dem Blick in diesen Spiegel, der sich lässig anlehnt an einen erhabenen schönen Raum, nimmt man Stadtarchitektur anders wahr, hinterfragt Linien, Volumina, Materialien, Farben, Zusammenspiel mit Natur. Warum sieht Berlin an dieser Stelle so aus, wie es aussieht? Wären andere Lösungen möglich?

Auch die Werke im Innern lösen ein Erstaunen aus, begleitet von Beunruhigung und Unbehagen.

Die Bodenbedeckung des eingebauten Podests besteht aus Teppichfliesen. Jede einzelne ist bedruckt mit dem unterschiedlichen Motiv einer fallengelassenen Hose, unordentlich, einfach zurückgelassen. Aber hier gibt es nichts aufzuheben, nichts aufzuräumen, in guter Laune schreitet man über diese Relikte häuslicher Alltäglichkeiten hinweg.

Als Anmerkung muss ich hinzufügen, dass meine beiden Begleiterinnen sich an ihren Ordnungssinn gemahnt fühlten und - in Gedanken immer noch verärgert - Erinnerungen austauschten über reale Situationen in ihrem Leben. Ob es Begleitern ähnlich ergeht?

Dieser Aspekt, wie Handlungen, Dinge oder Materialien weiblich oder männlich konnotiert sind,  scheint durchgehend den Werken eingepflanzt zu sein, als Impuls, die Welt und das, was darin geschieht, genauer zu betrachten, zu reflektieren und mit dem eigenen Tun abzugleichen.

 

 

Jenny HolzerK21, Düsseldorf, ab 11.3.2023 

dazu meine Eindrücke:

„The beginning of the war will be secret." (Der Anfang des Krieges wird geheim sein, wird im Dunkeln liegen.), so steht es eingraviert in zeitlosen Großbuchstaben auf der Sitzfläche einer leicht gebogenen roten Granit-Bank. Ein einfacher, fast trivialer Satz, gleicht man seinen Inhalt ab mit unserer jetzigen europäischen Wirklichkeit, macht er nachdenklich. Warum ist der Anfang eines Krieges nicht bekannt? Merken wir nicht, wann und wie wir in Richtung eines Krieges handeln? Welche Möglichkeiten hätten wir nutzen können, um einen Krieg zu verhindern? Können wir aus Fakten für eine zukünftige Vermeidung lernen? Oder verbirgt sich hinter dem Satz ein ewiges Gesetz? Bleibt uns nur Fatalismus? Sind es immer wieder dieselben Mechanismen? So lakonisch, einfach, emotionslos, wie die Worte die  Steinbank überziehen und in die polierte Sitzfläche eingegraben sind, so widerstandslos stehen wir davor und akzeptieren den Inhalt. Überträgt sich der Inhalt auf uns oder bleibt uns der Inhalt verborgen, wenn wir uns auf die Bank setzen?

17 solcher Bänke, alle überzogen mit Sätzen aus der „Survival“-Serie stehen in einem großen Kreis, stumm, sakral, wie Zeugen unseres Menschseins in all seinen Widersprüchlichkeiten.

Die Wände dieses Ausstellungsraumes sind eintönig bedeckt mit den grellen Plakaten der frühen Serien der „Truisms“ und „Inflammatory Essays“, ein merkwürdig berührender Gegensatz.

Jenny Holzer, geb. 1950, US-amerikanische Konzeptkünstlerin, konfrontiert uns mit Sprachpaketen zu Krieg, Gewalt, Tod, Sexualität. Verpackt sind diese Pakete als Plakate, Drucke, Malereien, Leuchtschriften, Skulpturen, im Außenbereich mit riesigen Lichtinstallationen und in Drucken auf Gebrauchsgegenständen oder alltäglichen Objekten.  Ohne Stellung zu beziehen, sind gedankliche Positionen formuliert. Von ihnen gehen Impulse an die BetrachterIn/LeserIn aus, den eigenen Standort zu finden.

„Ich fühle mich von Werken wie Goyas „Schwarzen Gemälden“ angezogen und stehe ehrfurchtsvoll vor Matisse ´“Die Lebensfreude“. Ich habe mehr Zeit auf Goya-Terrain verbracht, doch diesen Matisse wollte ich immer zumindest begreifen.“ So verortet sie sich gedanklich, was in dieser Ausstellung spürbar wird.

Leider, leider ist keine der großen überwältigenden Lichtinstallationen zu sehen, wie einst am Frankfurter Literaturhaus oder an verschiedenen Außenwänden in Basel.

 

 

Rosemarie Trockel, MMK, Frankfurt, 10.12.2022 - 18.6.2023

dazu mein Leserbrief auf die Besprechung von Stefan Trinks in der FAZ vom 12.11.2022

"Aus dem Nähkästchen gekämpft"

Nicht wirklich kämpfend ist Rosemarie Trockel aufgestiegen in die Weltrangliste der lebenden KünstlerInnen, denn der Titel etlicher Arbeiten „Less sauvage than others“ (Weniger wild als andere) gilt auch für ihre künstlerischen Aufschläge. Eher leise, zurückgenommen, hintergrundverdächtig kommen ihre Werke daher, aber in ihrer gedanklichen Impulsgebung sind sie Paukenschläge. Folgt man Rosemarie Trockel, kann man nicht anders, als in menschlichen, gesellschaftlichen und auch politischen Zusammenhängen unbenannte Wahrheiten zu entdecken. Als thematisiere sie die Luft zwischen den Strickmaschen und damit das, was uns wärmt, so rührt sie an Unbewusstes und setzt Gedanken in Gang.

Deswegen ein Dankeschön an Stefan Trinks, der diese große Künstlerin zu ihrem 70. Geburtstag würdigt. Und einen noch größeren Dank an Cecilia Alemani, Kuratorin der diesjährigen Biennale Venedig, die Rosemarie Trockel zentral in den Hauptpavillion der Giardini holte und damit auch den Blick einer Frau auf unser Leben und auf die Kunstgeschichte. Eins ihrer Werke dort, „o.T. (Bibliothek Babylon), 1997“, zeigt eine junge Frau beim Studium kunstgeschichtlicher Literatur, Buchtitel mit den Namen männlicher Kollegen umgeben sie, leicht aufreizend sitzt sie da, stützt den Kopf auf ihre Hände, denkt nach, schaut den Betrachter an. Aus dieser Situation heraus schuf Rosemarie Trockel ihre Strick- und Herdbilder und öffnete unseren Blick für das „Weniger Wilde“ aber genauso „Wichtige“. Nein, sie muss sich nicht mit den Qualitäten von Beuys messen, auch nicht in ihren grafischen Arbeiten, denn messerscharf hat sie erkannt „Jedes Tier ist eine Künstlerin“, unermesslich ist der Reichtum der Erkenntnis unserer Wahrnehmung, folgt man den Linien ihrer Arbeiten. 

 

 

                                                                          

 

 

 

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