Kunstverein Bauhütte, Menden

 

Ulrike Weidmann, Kunsthistorikerin


…in dem Zyklus „Ich ziehe mich aus, wenn ich mich anziehe“ werden plastische und bildhafte Werke gezeigt, die sich zu einem Dialog ergänzen… Der nackte Mensch steht für sich selbst, der bekleidete Mensch ist in seiner geschichtlichen und gesellschaftlich-hierarchischen Zugehörigkeit sofort erkennbar, was bedeutet, dass die ursprünglich schützende Funktion der Kleidung längst von dem Effekt der Selbstdarstellung überlagert wird. Mittels der Kleidung werden die näheren Umstände einer menschlichen Existenz, ihre spezielle gesellschaftliche Stellung identifizierbar. Frühere Regeln scheinen ersetzt durch das Postulat der Mode, die Belange der äußeren Erscheinung sind der individuellen Entscheidung überlassen. Persönlichkeit kann losgelöst von gesellschaftlichen Maßregeln zum Ausdruck gebracht werden.

 

Richter stellt zunächst zwei Gegensätze in Bezug: eine Gruppe plastischer Erscheinungen, die schnell als die Hüllen spezifisch weiblicher Menschen erkennbar sind. Zu einem Rund geordnet sind sie in einer stummen Kommunikation befangen. Ihnen allen ist eine drastische Erdenschwere, standfest, massiv und voluminös mit mächtigen Schenkeln und Gesäßen und ausladenden Becken, Becken, die das Vermögen von bergenden Höhlen zu haben scheinen, die Schutz und Raum bieten können… In plastischer und gestischer Bewegung sind sie alle verschieden, einzigartig und unverwechselbar geprägt. Individuelle Hüllen von eigenständigem Charakter bestimmt und nicht austauschbar. Aber… keine entspricht auch nur annähernd unserem gängigen Schönheitsideal, keine erfüllt unsere ästhetischen Erwartungen an den Körper einer Frau. Bei allem sinnlichen Genuss an der elementaren, kraftvollen Dynamik dieser Gestalten vermissen wir die spezifischen Effekte weiblicher Erotik. Diese Gestalten sind so elementar  urweiblich, dass zu ihrer Gewissheit keinerlei erotische Spannung nötig ist… sie ruhen in sich selbst.

 

In dem Bilderzyklus begegnen wir ihnen wieder. Aber hier stehen sie nicht mehr allein. Sie kontrastieren mit dem, was wir eben vermissten: Chic und Eleganz: dieser Aspekt wird übernommen von modisch orientierter Kleidung, deren Maße und Proportionen deutlich Diskrepanz aufweist zwischen den natürlichen, eigenwilligen Körpern und den Anforderungen der textilen Kreationen… Körper und Körperhülle befinden sich in einem Verhältnis, das einer Vergewaltigung der natürlichen Gegebenheiten gleich zu kommen scheint. Tief hängende Brüste werden strikt hochgebunden, ausladende Bäuche mutieren in eng geschnürten Korsetts zu zierlichen Wespentaillen, breite Becken verschlanken zu schmalen Hüften. Die Ahnung von Zwang, von Eingezwängtheit drängt sich auf.

 

Der Konflikt zwischen den beiden Kontrahenten, Körper und Körperhülle, ist nicht eindeutig zu lösen. Er kann Wunschbild und Vergewaltigung ausdrücken, denn das Einpassen in ein Schönheitsideal bedeutet einerseits größere allgemeine Verfügbarkeit, aber andererseits auch, dass die Individualität eliminiert wird .In diesem Sinne gewinnt der pointierte Titel eine brisante Note.

 

…in wie weit ein Mensch/eine Frau bereit ist, die optische Tilgung ihrer geprägten Persönlichkeit zu gestatten, um den ganz spezifischen Ansprüchen des Betrachters zu entsprechen, Ansprüchen, die nicht unbedingt ihrem Interesse entsprechen müssen.

 

Kleidung/Verkleidung kann zeigen, wie weit man bereit ist, seine Natur zu verleugnen, wie stark man zu sich selbst steht, ob man eher zeigen oder verbergen will, ob man sich behauptet oder anbiedert.

 

Das Eingehen auf das Modediktat, die Notwendigkeit, sich dieser persönlichkeitsnivellierenden Erwartung zu beugen, ist Ausdruck einer Abhängigkeit, die vielleicht nicht ohne Grund ein feministisches Thema geworden ist...

 

 

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© Germaine Richter