Rosemarie Trockel, „Déjà-vu“, Baukunstarchiv NRW, Dortmund,
Preis der Kulturstiftung Dortmund, 16. Oktober – 15. November 2026
Kühl, klar, sachlich - so der erste Eindruck im alten Ostwall Museum in Dortmund, betritt man den Lichthof mit der originalen Konstruktion der alten Lichtdecke, ab 1875 Landesoberbergamt, nach dem Umbau des Stadtbaurats Friedrich Kullrich 1911 Museum der städtischen Sammlung und heute ein neuer Museumsbau auf den früheren Gebäuderesten – in seiner einfachen Vielschichtigkeit ein guter Ort für Trockels so schlicht daherkommende Doppelbödigkeit!
Unspektakulär, als gehörten sie zum Gebäude, die 34 Pigmentdrucke in glatten Alurahmen in nahtloser Hängung entlang der oberen Kante von zwei-ein-halb Wänden, die meisten in Schwarz-weiß. Zwar erkennt oder besser ahnt man schon von weitem, dass Details und einzelne Bilder „alte Bekannte“ sind, die in anderen Ausstellungen so oder ähnlich schon einmal zu sehen waren, einige davon neu bearbeitet. Die verborgenen Botschaften entdecken sich überfallartig beim intensiven Betrachten der Exponate. Ganz gleich, wo man ansetzt, innehält, sucht – überall ist die BetrachterIn sich selbst und ihrer eigenen Wahrnehmung auf der Spur.
In „Moma´s Boy“ von 2016 sitzt ein dunkelhaariger junger Mann, vielleicht Sohn mittelamerikanischer Eltern, mit übereinander geschlagenem Bein der BetrachterIn frontal gegenüber. Den Stuhl um 90 Grad gedreht, ruht sein linker Arm lässig über der hölzernen Rückenlehne, die rechte Hand hat er auf seinem rechten Knie abgelegt. Unerwartet zart und gepflegt die Hände und die Fingernägel, er trägt eine grobe Arbeitsschutzmaske über Mund und Kinn. Auch seine Kleidung hinterlässt Fragen: weißes Manschetten-Hemd mit schmutzigen Arbeitsspuren in Grau und zartem Blau, eine dunkle Strickkrawatte locker gebunden, Jeans. Aus seiner rechten Hosentasche hängen die ebenfalls befleckten weißen Baumwollhandschuhe heraus, die beim Hantieren mit Kunst üblicherweise getragen werden. Sein fester Blick ist ruhig und selbstbewusst, fest, ja fordernd, Basquiat-haft auf die BetrachterIn gerichtet.
Er sitzt vor einer weißen Wand und verdeckt den rechten unteren Zipfel einer Papierabbildung eines Fotos, das hinter ihm angebracht ist. Die Abbildung scheint die ungenau verschwommene Wiedergabe einer Museumswand zu sein, anteilig sieht man historisierende Wandverzierungen, zwei historische Rahmen, eine Leerstelle dazwischen, die noch Befestigungen und Bezeichnungsschild trägt. Eins der Gemälde lässt eine Mutter-Kind Szene ahnen.
Beim Abtasten der sichtbaren Inhalte ergeben sich beständig Zweifel, Unsicherheiten, Fragen nach Sinnzusammenhängen:
Ruht sich der junge Mann aus? Hilft er im Museum beim Aufbau? Ist er selbst Künstler und gehört ins Museum? Ist er nicht auch statt „Moma´s Boy“ „Mamas Junge“? Fordert er mich, die Betrachterin heraus, ihn anzuschauen anstelle der Kunst im Museum? Sind Kunst und Museum im Wandel? Muss Kunst neu, globaler gesehen werden?
Die Fragen werden initiiert durch das Bild, aber sie gründen immer in der betrachtenden Person und deren Denken, jede BesucherIn folgt ihren eigenen Impulsen.
Rosemarie Trockel durchwandert beim Komponieren ihrer Bilder ihren eigenen Kosmos und gestaltet ein Spiel um Wissen und Andeutungen, um Vorstellungen und Phantasien.