Jaume Plensa, "Invisible", Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg, 26. Juni - 1. Nov. 2026

 

50 Frauen, ein Weltstar und die Poesie des Menschseins – so der Untertitel der Ausstellung, zu deren Aufbau und Eröffnung Jaume Plensa nach Duisburg gekommen ist.

 

Gleich vor dem Eingang des Museums wird man von einem überdimensionalen weiblichen Kopfobjekt, „Flora“, empfangen. Dieses Wesen schaut den Besucher nicht an, es ist einfach nur da, die Lider gesenkt, ganz in Ruhe wie in reflektierender Selbstbetrachtung, als Körper anwesend, dennoch abwesend. Beim Betrachten wird man nicht hereingelassen, man bleibt davor, draußen, die Hülle der Skulptur umschließt das Innere, beschützt es als eine Innenwelt, die unseren Augen verborgen bleibt. Eintreten können wir nur über unsere Gedanken, Vorstellungen, Fantasien, Träume. Die Augen, die Fenster zur Seele, gewähren uns keinen Zutritt. Vielleicht hat Jaume Plensa deswegen auf dem Ausstellungstitel „Invisible“ bestanden, nicht die Sichtbarkeit der Objekte wird betont, sondern das Gedankliche, das sie verbergen, dem sich die BesucherInnen öffnen sollen.

Diesen Vorgaben folgen auch die vielen Köpfe in der Ausstellung, wobei jeder Kopf anders ist und doch ähnlich, in der Form gelängt, wie verlangsamt, archaisch und doch aus unserer Zeit. Jede dieser Frauen hat einen Namen, die Skulpturen sind nach Plensas Fotos entstanden, also sehr persönlich. Doch diese Frauenköpfe sind keine Portraits, sie spiegeln keine Wirklichkeit, sondern verbreiten eine Zurückgezogenheit, eine kontemplative Stille, eine meditative Atmosphäre. Ihre Erscheinung, ganz gleich in welcher Materialität sie ausgeführt sind, ob in Alabaster, Bronze, Holz, Gussstahl, Draht, Glas, ist von geisterhafter Schönheit. Dabei wirken sie viel leichter, als das verwendete Material es vermuten lässt.

Die Ruhe in den Ausstellungsräumen findet eine Steigerung durch graphische Arbeiten auf den Wänden, besonders durch das hingehauchte Andeuten von erscheinenden und verwehenden Gesichtern. Während der langen Aufbauzeiten hat Jaume Plensa zarte Ansätze von Gesichtern mit Graphit auf die Wände gezeichnet, leicht gedehnt, facettenhaft und doch intensiv. Meisterlich werden auch da menschliche Gesichter angedeutet in ihrer schönen Erscheinung, aber auch hier die Botschaft: denken, erkennen, beurteilen, was sich hinter einer äußeren Hülle verbergen mag, muss jede/r selbst. Das wirklich Wesentliche ist nicht sichtbar, Poesie und Spiritualität tragen sie in sich, diese müssen entdeckt werden.

Eine andere Werkgruppe taucht ein in die Welt der Zeichen, z. B. der Buchstaben und Noten. Diese bilden die Hüllentextur großer Körperplastiken.  Sie formen Menschen in ruhender nachdenklicher Pose, dabei vermittelt sich der gedankliche Zugang über diese Zeichen. Buchstaben, Worte, und damit unsere Sprachen, sind ein wesentliches Merkmal menschlichen Seins und menschlicher Werte. Plensas Werke geben Impulse vor, aber sie formulieren keine eindeutigen Botschaften. Diese ergeben sich erst im Kontakt, beim Sich-einlassen und in der intensiven Wahrnehmung dieser Arbeiten. Laut Plensa ist eine Skulptur „die beste Art“ eine Frage zu stellen, und davon gibt es in dieser Ausstellung viele.

Druckversion | Sitemap
© Germaine Richter