Gustave Courbet, „Ich, Gustave Courbet, Maler und Rebell“, Museum Folkwang Essen, 17. Juli – 8. November 2026
Selten hat der Titel einer Werkschau deren Inhalt so treffend beschrieben: ein großer Maler mit einem starken Ich, welches mit umwälzerischem Gestaltungswillen das 19. Jahrhundert prägte. Er war Autodidakt, kam vom Land, aus Ornans, stand voller Widerspruch zum strengen französischen Akademismus und zu den Regeln, die sich in den jährlichen Salon-Ausstellungen manifestierten. So eröffnete er z. B. nach der Ablehnung einiger Werke einen eigenen Salon. Auch die Mitgliedschaft in der Pariser Kommune und deren politisches Treiben kennzeichnen ihn als unabhängigen, freiheitlichen politischen Geist, sind allerdings auch die Gründe für sein freiwilliges Exil in der Schweiz am Ende seines Lebens.
Die Ausstellung eröffnet gleich mit einem Höhepunkt seines Werks: ein Raum, der auf allen vier Wänden Selbstportraits zeigt. Courbet probierte sich aus - in Haltung, in Stimmung, in Gesten, in unterschiedlicher Kleidung, vehement überzeugend und lebendig, in ganz spontanen schnellen Momenten ist sein Gesicht erfasst, beinah ein lebensechtes Gegenüber des Betrachters. Unwillkürlich versucht man, in der Psychologie dieses Antlitzes zu lesen. Rembrandt und seine vielen Selbstportraits fallen einem ein, allerdings ist Courbets Maltechnik anders: Farbe ist als Material sichtbar, pastos aufgetragen, oft mutig gespachtelt. In „Le fou de peur“ scheinen sich Hand und Augen auf den Betrachtenden zu stürzen, die gesamte untere rechte Ecke des Bildes ist mit groben Pinselstrichen im Unklaren, Abstrakten gelassen – unfertig oder gewollt? Ein freier, unabhängiger Künstler steht dahinter.
Sichtbar und lesbar wird in diesen vielen Selbstportraits auch der Selbstdarstellungsdrang. Courbet brachte sich selbst damit ins Museum, jeder sollte ihn als Künstler wahrnehmen und als Person kennen. So gab er jedem verkauften Ölbild eine Art Visitenkarte bei, auf deren Vorderseite ein Foto von ihm abgelichtet war.
Hauptziel seiner Malerei war das unmittelbare Erfassen und Aufzeigen einer ungeschönten Wirklichkeit. Das zeigt sich in seinen Landschaften, die unspektakuläre, ungeschönte Ausschnitte wiedergeben, in seinen Meerbildern, die ihre Schaumkronen geradezu aus der Leinwand rauschen lassen, in seinen Jagdszenen, die sich fast immer unerwartet auf das Wild konzentrieren, und auch auf seine Akte. Der berühmteste, „L´origine du monde“, von dem allerdings nicht bekannt ist, ob der metaphorische Titel von ihm stammt oder später hinzugefügt wurde, ist ein Auftragsbild gewesen, das lange Zeit in Privatbesitz blieb und hinter einem Vorhang hing. Aber Courbet hat es mutig/übermutig gemalt, sicherlich lockte ihn auch bei diesem Thema das Überschreiten gewisser Grenzen. Erst 2023 stießen drei Konservatoren der Stadtbibliothek von Besancon auf den sorgfältig verpackten Briefwechsel zwischen Courbet und Mathilde Svazzema, der Inhalt eine wilde erotische Romanze mit intimen Details, die eventuell den Hintergrund gebildet haben für dieses sehr männliche Werk. Ein Gegenentwurf dazu existiert im Werk Rosemarie Trockels, in „Replace me“, wo sie ein Schwarz-weiß-Bild dieses Gemäldes zugrunde legt und die weibliche Scham bedeckt mit einer großen Vogelspinne, eklig, gefährlich, aber auch lockend voller Geheimnis.
Die Werkschau vermittelt eindrücklich Bedeutung und Meisterschaft Courbets, selbst Cezanne wird zitiert, der besonders Courbets kraftvollen Umgang mit Farbe bewunderte und zum Vorbild nahm.