Anish Kapoor ist der Wilhelm-Lehmbruck-Preisträger der Stadt Duisburg und des Landschaftsverbandes Rheinland 2025/2026, ein Preis, der seit 1966 an die weltweit bedeutendsten Bildhauer vergeben wird. Geehrt wurden vor ihm Chillida, Jean Tinguely, Claes Oldenburg, Richard Serra, Joseph Beuys, Nam June Paik, Rebecca Horn, um nur einige zu nennen.
Das Museum ehrt ihn mit einer Ausstellung, die ohne besonderen Titel auskommt. Aber schaut man sich die Schreibweise seines Nachnamens auf der Einladung an, so stehen dort die Buchstaben „A“ und „R“ auf dem Kopf – eine wunderbar assoziative Hinführung zu dem, was die BesucherInnen erleben können: unsere Sinne werden auf den Kopf gestellt, unserer Wahrnehmung wird der feste Boden entzogen.
Das erreicht Anish Kapoor durch eine Wirkmächtigkeit seiner Werke, die er selbst mit „otherness“ beschreibt, die „Andersartigkeit“, die „neue Dimension“, das „unerwartete Dahinter“, das man beim Betrachten seiner Arbeiten erleben kann. Die Grenzen des Sichtbaren werden überschritten, das Erleben betritt neue Räume. Immer wieder scheint die Frage, wie sich das darstellen lässt, was nicht sichtbar ist und was den Kern des Menschseins ausmacht, der Beweggrund für sein künstlerisches Tun zu sein.
Betritt man den Raum mit den 15 Meter langen Spiegeln der „Double S-Curve“ und den schwarzen Hohlspiegeln an den Wänden, so verliert sich jeder reale Raumbezug, die eigene Figur tritt verzerrt auf, geht an der Decke, vervielfacht sich, geht unter, verliert sich in schwarzen Löchern – man verlässt den Raum verunsichert und erfährt, wie fragil menschliches Sein ist.
Dieses surreale Erleben geschieht auch vor „Non Object Black“, ein Werk, das sich schnell und einfach als schwarze zweidimensionale Form erschließt, aber aufgrund seiner losen Pigmentierung mit Vantablack, in seiner dreidimensionalen Raumform nicht erfasst werden kann. In einer durchrationalisierten Welt, die versucht, alles zu erklären, bewegen sich hier die menschlichen Erfahrungen eher im surrealen Ahnen und Spüren. Jenseits davon irritiert die einfache Schönheit dieser Arbeit.
Größte Verunsicherung erfährt man vor einer weiten weißen Wand, die aus der Ferne betrachtet einen leichten dunklen Schatten hat, der sich verlagert, verschwindet, verändert, sobald man sich der Wand seitlich nähert und letztendlich nah an sie herantritt: ein großes geschwungenes, kugelförmiges Gebilde im selben Weiß wie die Wand tritt aus dieser plastisch hervor und erzeugt die unwahren Schattierungen! Staunend und ungläubig steht man davor! „When I am pregnant“, so der Titel, bietet eine mögliche Assoziation im ungläubigen Staunen über das Leben.
Ein großer metaphorischer Bedeutungsraum ist die Farbe Rot, in dieser Ausstellung in Form von tiefrotem Wachs, das eine über 3 Meter hohe Halbkugel bedeckt, die langsam und geräuschlos von einem Kamm „abgeschält“ wird: krustig, klebrig, verletzt bleiben die Reste dieses organisch anmutenden Materials an Wand und Boden zurück. Der Titel „Past, Present, Future“ verweist auf philosophische Fragen, auf die einfachsten Grundregeln menschlichen Seins, dass Lebendiges kommt und geht, dass Leben verletzlich ist, dass sich diese Vorgänge immer wiederholen und dass menschliches Eingreifen in diesen Prozess begrenzt ist.
Und wunderbarerweise spricht Anish Kapoor über all diese Zusammenhänge leicht und humorvoll, seine Arbeiten und auch seine Worte sind Angebote zur Reflexion über unser Sein. Das präzise, fundierte Bild seiner Arbeiten paart er mit einfacher, aber wohl überlegter Sprache, so entfährt ihm im lockeren Unterhaltungston auch mal ein „oh, gosh!“