Maurizio Cattelan, „Night“, Neue Nationalgalerie Berlin,
10. September 2026 – 7. März 2027

 

 

Der Himmel ist voller Tauben – zumindest in der neuen Nationalgalerie in Maurizio Cattelans „Night“ – Ausstellung, ungewöhnlich für nachts, wenn alle Vögel schlafen. Diese 4.000 ausgestopften Tiere sitzen im Gebälk der Kassettendecke, die in bewundernder Weite den gesamten Ausstellungsraum überspannt. Friedenstauben, Brieftauben oder ganz normale Stadttauben, die das Treiben unter sich neugierig oder anteilslos beäugen.

Besucher, die diesen Blick aus hoher Warte nicht haben, arbeiten sich unten arglos von Werk zu Werk, dabei wird die Stimmung immer gedämpfter.

Schon beim Anstieg auf der äußeren Freitreppe fällt der Blick auf die großen altdeutschen Lettern „CATTELAN“ auf den Fensterscheiben der Eingangsfront, nach dem AfD-Sieg der Wahl in Sachsen-Anhalt am ersten September-Wochenende ungute Ahnungen – der Schrifttyp wird häufig von rechtsorientierten Gruppierungen für ihr rückwärts gerichtetes Weltbild und Programm benutzt.

Auf dem Dach, wie schon in anderen Cattelan-Ausstellungen, der kleine Blechtrommler Oskar mit seinen monotonen Trommelschlägen, der hilflos versucht, gegen das Böse an zu trommeln.

Vor der Eingangsdrehtür die nächste Irritation. Im Boden eingelassen ein Gully-Deckel (Scar) mit der Reliefschrift aller ausgestellten Werke: Night, Him, All, Purgatory, People, Bones, We, Dust, Pentecost, We are the revolution, Novecento, First, Dawn, Scar, Charly don´t surf, Never – etwa das Programm, das wir, steigen wir nach unten in die modrigen Versorgungsschächte der Unterwelt, erleben werden?

Die Ausstellung im Raum eröffnet mit dem Fegefeuer, Dantes zweitem Teil der Göttlichen Komödie, in der der Mensch grausam untergeht oder Läuterung erfahren kann. Cattelans Purgatorium ist hier ein verkleinert nachgebautes, hölzernes Brandenburger Tor mit marmorner zum Eingang hin ausgerichteter Quadriga. Durch die Öffnungen zwischen den Säulen, Pfeilern und heroischen Reliefs schreitet der Besucher in die Ausstellung. Wir sind in Berlin, das ursprünglich zur äußeren Prachtentfaltung gebaute Triumphtor, später politisch und kriegerisch umkämpft, heute Symbol dieser Stadt empfängt uns – nicht freudig und glanzvoll, eher streng, vielleicht altbacken deutsch und mit dem Durchblick auf neun am Boden liegende weiße marmorne Leichentücher, unter denen sich gut nachvollziehbare menschliche Tote befinden.

Je nach Wegstrecke durch die Halle begegnet man einem Eselkarren, das panisch erschreckte Tier steigt in die Höhe, der schwere Wagen hält es in der Luft und nimmt ihm den sicheren Bodenkontakt.

Ein stolzer Adler aus Marmor liegt abgestürzt, den Kopf verrenkt, die Flügel abgespreizt flach auf dem Boden. Trotz des edlen Materials und der feinen Verarbeitung ist nichts mehr spürbar von diesem heroischen, furchteinflößenden Wappentier.

Der nächste Blick fällt auf einen brav knieenden, betenden Jungen in Flanell-Anzug mit Krawatte und fein gescheiteltem Haar. Unverwandt schaut er mit seinem alten Gesicht auf die Fensterfront, er ist Hitler als unschuldiges Kind. Reflektiert er seine Grausamkeiten? Ersucht er Vergebung? Bei wem? In seinem Rücken die Toten unter den Tüchern, vor ihm eine junge Frau, von der Decke gehängt, bäuchlings in einer Kiste fixiert, die Hände verdreht, als wolle sie sich irgendwo festhalten – eine weibliche Gekreuzigte!

Auch ein totes Pferd hängt von der Decke, mit gebogenem Rückgrat und überlängten Beinen, als sei alles Leben aus ihm herausgelaufen.

Ein kleines Hundewelpen hat sich zusammengerollt und Schutz gefunden in einer großen Abwasserröhre. In gleichen zeitlichen Abständen tönt ein lauter Schlag von außen auf diese Hülle, nichts ändert sich, der Hund scheint tot.

Ein Jugendlicher sitzt im Hoody an einer Schülerbank, bewegungslos, den Blick starr nach draußen gerichtet, die Hände sind brav auf den Tisch gelegt, fixiert mit Stiften, wie mit Messern auf die Platte genagelt.

In einer hölzernen Kammer in einem Doppelbett liegt ein leicht verkleinerter Cattelan im dunklen Anzug mit seinem Doppelgänger aufgebahrt, die Augen weit geöffnet, unklar, ob all der Taten, die er miterlebt, mitbewirkt oder nur angesehen hat.

In einer anderen Kammer, der früheren Garderobe des Museums, steht ein Bauhaus Kleiderständer, an ihm hängt ein kleiner Cattelan im grauen Filzanzug, eine Hommage an Beuys, aber auch ein Eingeständnis von Machtlosigkeit: er hängt dort, wo normalerweise ein Kleiderstück abgegeben wird, ohne Wirkmacht, ohne Bedeutung. Im selben Raum, ganz klein ein marmornes, weißes Ei, mit dickem, schwarzen Nagel brachial an die Wand geschlagen, das Leben daraus gewichen, zerstört.

Wirklich schockierend ein Blick in die Runde der Ausstellungshalle: die vielen Besucher zwischen all den konnotierten Unglücken und Katastrophen, aber überall ruhige Auseinandersetzung, genaues Betrachten, fachmännisches Besprechen. Alle Exponate sind von präziser, überzeugender Machart, sie lösen keine Bestürzung aus, wirken eher klein und verloren in dieser weiten Halle.

Oder sind wir zu abgestumpft? Ist Vorstellung von Leid für uns nur theoretisch? Oder wissen wir, dass auch der im Raum abgestellte Feuerlöscher (Dust) mit der Asche eines Freundes, keine Abhilfe schaffen kann, sondern nur noch ein Erinnerungsstück ist, das einmal Rettung in Notfällen versprach? Cattelan, dessen Werke oft auch schmunzeln ließen, spiegelt hier aktuelle politische und soziale Abgründe in sachlicher Kühle, der Gefrierpunkt scheint überschritten…

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© Germaine Richter