Die Ausstellung widmet sich, und das ist neu, intensiv den Texten, die Germaine Krull hinterlassen hat: Tagebucheinträge, Texte in Fotobüchern, persönliche Notizen, Briefe. Damit öffnet sie eine differenzierte, geweitete Sicht auf diese Fotografin des 20. Jahrhunderts und das Leben ihrer Zeit in vielerlei Hinsicht. Ihr umfassendes Werk beinhaltet Akte, Landschaften, Tanz- und Figurenstudien, Portraits, abstrahierende Aufnahmen industrieller Bauwerke, kunstgeschichtliche Objekte, Architekturen, experimentelle Versuche zur Farbfotografie.
Die Ausstellung wirft einen umfassenden Blick auf den Nährboden, auf dem diese intensive Vielfalt entstehen konnte. Und darin besteht das Mehr dieser Werkschau. In elf Teilen entwickelt das Ausstellungskonzept in Form von Zitaten und Textauszügen aus Krulls Schriften ein vielschichtiges Bild dieser selbstbewussten, handlungsstarken Frau, die Fotos erhalten dabei fast sekundäre Bedeutung innerhalb dieser vitalen Biografie. Es entsteht die Vorstellung einer wahrnehmungs- und entscheidungsstarken Frau des 20. Jahrhunderts.
Schon ihr Name lässt aufhorchen. Ein französischer Vorname für die erstgeborene Tochter eines deutschen Paares in Wilda, an der deutsch-polnischen Grenze 1897, vielleicht eine Nähe zu den dort angesiedelten Hugenotten des 17. Jahrhunderts? Der Vater war Ingenieur, kritisch gegenüber Staat und Kirche, zog beruflich durch Europa, so wuchs Germaine Krull an vielen unterschiedlichen Orten auf, u.a. in Bosnien, Rom, Paris, Montreux, in der Nähe von Graz und in Bad Aibling, ab 1912 in München. Früh entwickelte sie ein Gefühl von Unabhängigkeit und hing revolutionären Ideen nach, stand kommunistischen Gesellschaftsformen nahe. Ihre wilde Entschlossenheit drückt sich auch in ihrem Spitznamen aus, der auf eine Freundin zurück geht, die sich eigentlich auf ihr festes unzähmbares Haar bezog, „Chien fou“, „Zottel“.
Sie beendete eine Ausbildung als Fotografin und übte diesen Beruf zeitlebens aus, aber Fotografieren rückte mehrfach in ihrem Leben in den Hintergrund, wenn politische Ereignisse wegweisender wurden und stärker ihren Weg bestimmten, so z.B. die Gründung der kommunistischen Räterepublik in Bayern 1919 oder Lenins Bestrebungen, einen Weltkommunismus zu gründen 1921 in Moskau. Dabei scheute sie nicht, tatkräftig Unterstützung zu leisten, Gefängnisstrafen auf sich zu nehmen und ausgewiesen zu werden, aber sie bekannte sich auch öffentlich zu ihren „Irrtümern“ und schlug dann neue Wege ein. Und immer waren herausragende Menschen Wegbegleiter für ihre Orientierung, dazu gehörten, Max Horkheimer und Friedrich Pollock, Ernst Toller und Rainer Maria Rilke, genauso wie Kurt Eisner und Tovia Aksel’rod, später sogar der Dalai Lama in Tibet.
Nach den Stationen Düsseldorf, Berlin und Amsterdam mietete sie sich 1926 ein Atelier in Paris und konzentrierte sich erneut auf Fotografieren, es entstanden die Aufnahmen der 20er und 30er Jahre, für die sie bekannt wurde, überraschende Sichtweisen auf das Leben dieser Zeit. Französisch wird für sie, die offiziell einen deutsch-niederländischen Pass hat, zur „Muttersprache“, ganz gleich in welcher Station ihres Lebens sie gerade angekommen ist.
So gehört sie 1941 mit vielen Intellektuellen Europas zu den Emigranten auf der Flucht vor dem Faschismus von Marseille nach Martinique, was auch Thema ist in der filmischen Arbeit von William Kentridges To Cross One More Sea (2024), die gleichzeitig im Folkwang gezeigt wird. (Wunderbare Planung!) Von Martinique gelangt sie nach Brasilien, von dort im Auftrag von France libre und de Gaulle nach Brazzaville, Republik Kongo, Algier und das Elsass. Nach dem 2. Weltkrieg verlässt sie Europa mit dem Bewusstsein „endgültig“, geht für André Malraux nach Kambodscha, Myanmar, Thailand, dort arbeitet sie als Managerin des Oriental Hotel von 1947 bis 1962, es folgen Indien und Jahre in der Sakya-Gemeinschaft in Tibet. Erst nach einem Schlaganfall in den 80ern kehrt sie nach Deutschland zurück, wo sie 1985 bei ihrer Schwester Berthe in Wetzlar stirbt.
Überraschend, dass trotz dieser bewegten Lebensschleifen die Worte aus ihrem frühen Manifest „Ètudes de nu“, Paris 1930, sinngebend als Fazit ihres Lebens stehen können und deswegen von den beiden Kuratorinnen, Petra Steinhardt und Kerstin Meincke, ausgewählt wurden, den Abschluss der Ausstellung in Raum elf zu bilden. Als Germaine Krull diese Worte schrieb, waren sie vielleicht eher noch Ahnung von dem, was sie im Leben später erlebte.
„Die Welt. Die Welt dieser Zeit. Und der Mensch, der nichts weiter ist als ein mobiles Objekt in der Welt – und in der Zeit. Und der Mensch, der durch die Zeiten moralisch selbe Mensch. - “